Wirtschaft

Investment von Frank Thelen aus der Start-up-Show artet zur Schlammschlacht aus

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David Schirrmacher schien der perfekte Gründer zu sein. Doch dann stürzte sein Start-up ab – und ein außergewöhnlicher Streit mit seinem Investor begann.

So seriös gab sich David Schirrmacher anfänglich als Gründer von Von Floerke.

Auf der Facebook-Seite des Mode-Start-ups Von Floerke spielt sich seit einigen Abenden Ungewöhnliches ab. David Schirrmacher, Gründer des jungen Unternehmens, der 2015 in der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) auftrat, schaltet dort oft stundenlange Live-Videos aus seiner Wohnung, in denen er sich hemmungslos betrinkt und verbal um sich schlägt; gegen seine Kunden, gegen den Rest der Welt – und gegen seinen Investor, Frank Thelen.

„Da ist etwas ekliges auf deiner Startseite“, liest er zum Beispiel einen Nutzer-Kommentar vor. „Ich weiß, worauf Du anspielst“, sagt er mit Blick in die Kamera. „Es ist Frank Thelen.“ Schirrmachers erklärtes Ziel ist es, Thelen aus dem Unternehmen zu kriegen. Seit einigen Tagen verkauft er in seinem Shop eine „Frank-Thelen-muss-raus-Box“, die sich nach seinen Angaben bestens verkauft.

In anderen Videos leert er eine Flasche Alkohol nach der nächsten, rülpst laut, bemalt sich die Brustwarzen oder holt ein Gewehr aus seinem Safe und ruft: „Wir schießen die Preise ab.“ Am Weltfrauentag liest er einen frauenfeindlichen Witz vor. Als eine Kunden daraufhin droht, ihn anzuzeigen, stellt er Adresse und Telefonnummer der dreifachen Mutter online und fordert seine Nutzer auf, ihr mal zu sagen was sie davon halten. Spontan richtet er zudem den Rabattcode „Schlampe40“ ein.

Und er stachelt die Nutzer weiter an. Bei 500 neuen Bestellungen würde er Thelens Handynummer öffentlich machen, bei 1000 Bestellungen die von Thelens Ehefrau. Denn mit seiner „Show“, wie Schirrmacher es nennt, ist er längst nicht mehr allein. Die Videos kommen teilweise auf über 13.000 Aufrufe. Während des Videos kommentieren tausende Nutzer live, häufig animieren sie den Gründer, noch mehr zu provozieren, noch mehr zu trinken, noch verrücktere Rabattcodes einzurichten. In den meisten Fällen kommt er den Wünschen nach.

Judith Williams, Vural Öger und Frank Thelen stiegen ein

Alle, die Schirrmacher vor gut drei Jahren bei DHDL gesehen haben, werden sich jetzt verwundert die Augen reiben. Denn dort wirkte der heute 26-Jährige eher wie ein artiger Konfirmand, denn wie ein trinkfester Draufgänger. Aus Sicht der Investoren war er wohl einfach ein ehrgeiziger junger Unternehmer, der seine Zahlen gut im Griff hat. Denn nicht nur Thelen, der bis heute insgesamt rund 205.000 Euro investiert hat, sondern auch die Geldgeber Judith Williams und Vural Öger stiegen in das Geschäft ein. Es schien eine der Erfolgsgeschichten zu werden, wie es sich die Macher von DHDL nicht besser hätten wünschen können.

Doch es kam anders. Seit Herbst des vergangenen Jahres kursierten Meldungen, das Start-up stecke in Schwierigkeiten. Bestellungen konnten nicht ausgeliefert werden, Konten wurden eingefroren. Inzwischen ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft wegen Insolvenzverschleppung sowie Betrugsverdachts in mehreren Fällen. Insidern zufolge hat Von Floerke fast all seine Mitarbeiter entlassen. Auch Thelen geht juristisch gegen Schirrmacher vor. Wie konnte es dazu kommen?

2014 gründete Schirrmacher Von Floerke, ein Label für hochwertige Herrenmode. Nach dem Gang in die „Höhle der Löwen“ startete das Geschäft durch. Und damit auch Schirrmacher. Er ließ sich als Jungmillionär feiern und im Porsche fotografieren. Im August 2017 sammelte Von Floerke auf der Kreditplattform Kapilendo 1,2 Millionen Euro von neuen Investoren ein, im gleichen Jahr bezog das Unternehmen größere Räumlichkeiten und stellte neue Mitarbeiter ein.

Frank Thelen ist einer der bekanntesten Investoren Deutschlands.

Von Floerke löste sich vom reinen Onlinehandel, eröffnete auch Ladengeschäfte und suchte dafür Franchisenehmer. 2018 nahm Schirrmacher – für viele Investoren völlig überraschend – auch Spirituosen und Delikatessen in seinen Onlineshop auf. Und irgendwo hier, inmitten der Frage, auf welche Weise und wie schnell ein Unternehmen wachsen sollte, fingen die Probleme wohl an.

Wie schnell darf ein Start-up wachsen?

„Wachstum, Wachstum, Wachstum war das einzige, was zählte“, klagte Schirrmacher Anfang März in der „Wirtschaftswoche“. Und gibt sich einsichtig: „Ich habe wirklich daran geglaubt, dass ich mir um Geld erst einmal keine Sorgen machen muss. Natürlich war das dumm. Ich wusste es nicht besser.“ Er habe damals jemanden an seiner Seite gebraucht, der sagt: „Mach mal langsam, investiere vorsichtig. Schau auf die Gewinne.“ Seine Facebook-Videos stellte er als Guerilla-Marketing-Kampagne dar, die auch erfolgreich sei. Auf Anfrage des Tagesspiegels reagierte Schirrmacher nicht.

Fragt man Frank Thelen, sieht die Geschichte etwas anders aus. „David wollte schneller wachsen und weitere Marken zukaufen, während ich zunächst Von Floerke stabil und profitabel aufbauen wollte“, sagte Thelen dem Tagesspiegel. Schon 2017 habe Schirrmacher ihn deshalb aus der Firma drängen wollen und nicht mehr in Geschäftsentscheidungen miteinbezogen. Er habe andere Investoren gesucht, die „weniger kritische Fragen“ stellen. Daraufhin sei Thelen bereit gewesen, aus der Firma auszusteigen. Zu diesem Zeitpunkt hätte er das zwei- bis vierfache seines Investments zurückbekommen. Weil der Deal mit neuen Geldgebern jedoch scheiterte, sei er in der Firma geblieben.

Mit Blick darauf, dass Von Floerke bei der Kapilendo-Kampagne mit Thelen als Investor warb, obwohl sein Abschied im Raum stand, betont der Geldgeber, er habe zum damaligen Zeitpunkt noch an das Unternehmen geglaubt. Auch in den darauf folgenden Krisenzeiten habe Thelen Schirrmacher mit seinem Team umfangreich unterstützt. Inzwischen will er sich allerdings von Von Floerke „öffentlich distanzieren“. „Von seiner neuen Geschäftsidee, rabattierten Alkohol in seinem Online Shop zu verkaufen, habe ich per Newsletter erfahren“, sagt Thelen weiter.

Per einstweiliger Verfügung will er erreichen, dass Schirrmacher nicht mehr „meinen Namen für seine Marketingzwecke missbraucht“. Auch die Darstellung, er würde um jeden Preis an seinen Anteilen festhalten, sei falsch. „Den Vorschlag, meine Anteile an die Kapilendo-Crowd abzutreten, wollte David nicht akzeptieren“, meint Thelen, „ich habe nun angeboten, sie an einen Mitgesellschafter abzutreten, womit David einverstanden zu sein scheint.“ Am heutigen Donnerstag könnte das Kapitel Von Floerke für Thelen beendet sein. Es wäre wohl ein Totalverlust für den Multimillionär.

Ein Ex-Mitarbeiter berichtet von der Arbeit bei Von Floerke

Der Niedergang von Von Floerke kommt nicht für jeden überraschend. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagt ein ehemaliger leitender Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden will, dass die Abwärtsspirale schon sehr viel früher als mit dem Verkauf der Spirituosen losging. „Schirrmacher hat einfach völlig falsche Entscheidungen getroffen und war absolut beratungsresistent“, so der Insider. „Er wollte das Unternehmen massiv auf Wachstum trimmen, obwohl das Geld dafür einfach nicht da war.“ Einerseits habe er alle Investoren aus der Firma raushaben wollen, um alleine bestimmen zu können. Gleichzeitig habe er immer von dubiosen neuen angeblichen Investoren geredet, die dann aber nie kamen. „Er eröffnete teure Läden und schlug alle Warnungen in den Wind.“

Viele Mitarbeiter hätten über Monate nicht ihr volles Gehalt bekommen, nie wären am 1. eines Monats alle Löhne überwiesen worden. Einige Mitarbeiter, die Schirrmacher zuvor aus Festanstellungen abgeworben hatte, rutschten nach Darstellung des Ex-Kollegen nach dem Aus bei Von Floerke in die Arbeitslosigkeit. „Und er zeigt keinerlei Verantwortungsgefühl!“

Auch Schirrmachers Auftreten in den Facebook-Videos überrascht ihn nicht. „Das war in Ansätzen schon in der alltäglichen Arbeit mit ihm zu erkennen. Wie er mit Angestellten umgesprungen ist, war schon immer von Arroganz geprägt“, so sein ehemaliger Mitarbeiter. Alkohol habe es auch schon immer viel in der Firma gegeben. „Er ist auch schon mal mit dem Baseball-Schläger durchs Büro gelaufen. Nicht um uns zu drohen, aber so hat er sich gerne gesehen – als starker Mann, irgendwie urzeitlich, martialisch.“

Gegen frauenfeindliche Witze sei nie etwas gesagt worden. Gleichzeitig hält er Schirrmacher zugute, dieser sei „hochintelligent“. „ Kennen Sie diese Leute aus Verbindungen?“, fragt der Ex-Von-Floerke-Mitarbeiter. „ Die geben sich nach außen immer gesittet und bieder, aber privat sind sie dann umso abgedrehter. So in etwa war es mit ihm auch.“

Quelle des Fotos oben: www.vonfloerke.com

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