Wissen und Technik

International verhandeln, lokal handeln

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Eine globale Einigung in der Klimapolitik bleibt wohl vorerst Illusion. Kein Grund, regional nicht zu aktiv zu werden.

Selbst ist der Klimaretter. Im „Bergwald-Projekt“ pflanzen Freiwillige nicht nur Bäume. Für den Klimaschutz verpflichten sie sich…

„Jetzt steht alles auf dem Spiel“, twitterte Astronaut Alexander Gerst aus der Internationalen Raumstation ISS. „20 000 Experten aus 90 Ländern treffen sich in Kattowitz zum weltweit größten Klimaforum #COP24. Es ist an uns allen, uns daran zu erinnern, dass es #NoPlanetB gibt.“ Dazu ein Foto des blauen Planeten, den es zu bewahren gilt. Dazu, das ist allen Teilnehmern der Konferenz klar, müssen die Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid schnell und deutlich zurückgehen. Messbar sind die „Erfolge“ der Klimaforen der vergangenen Jahrzehnte – die erste UN-Klimakonferenz fand 1995 in Berlin statt – nicht. Nach wie vor gilt: „Emission as usual“. Strömten 1995 weltweit rund 22 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre, waren es 2017 37 Milliarden Tonnen. Kein Rückgang, sondern ein Anstieg um nahezu 70 Prozent. Entsprechend deutlich zeigen sich die Auswirkungen des Treibhauseffekts: Seit 1950 sind die globalen Durchschnittstemperaturen um rund ein Grad gestiegen. Im Sommer ist die von Eis bedeckte Fläche rund um den Nordpol nur noch halb so groß wie vor 40 Jahren. Die Meere branden bereits zehn Zentimeter höher an die Küsten als vor 50 Jahren. Hitzewellen häufen sich.

Zu wenig Bereitschaft individuell beizutragen

Klar ist: Wir müssen handeln. Wer aber ist „wir“? Einfach die Summe einzelner Menschen? „Ein jeder kehre vor seiner Tür, und rein ist jedes Stadtquartier“. Goethes Leitsatz bürgerlicher Moral klingt vernünftig, ist aber nicht immer leicht zu befolgen: Nur wenige sind bereit, für den Klimaschutz im Urlaub daheim zu bleiben. Nur wenige drehen am Heizungsthermostat, um ein bisschen weniger Erdöl oder -gas zu verbrennen. Nur wenige sind bereit, öfter mal vegetarisch zu essen. Trotz vieler solcher individueller Möglichkeiten, Emissionen von Kohlendioxid zu vermeiden oder zu vermindern, verhalten wir uns wie Peter Sloterdijks „Zukunftsatheisten“, als glaubten wir es nicht, wenn die Klimaforscher der Erde im Treibhauszeitalter eine düstere Zukunft vorhersagen.

Ein Grund für dieses Verhalten ist die fehlende direkte Wahrnehmung der Gefahr. Der Klimawandel ist kein wildes Tier, das auf uns zurennt. Er lässt unsere Instinkte kalt. Selbst wenn wir uns des Klimawandels bewusst sind und das Phänomen nicht verleugnen, nutzen wir doch gern die Hintertürchen in die bunte, vom Erdöl bewegte Welt des Konsums und Reisens. Eines dieser Hintertürchen hat 1968 der Ökologe Garrett Hardin beschrieben, die „Tragödie der Allmende“.

Menschen nutzen Gemeingut zu egoistisch – und schaden so allen

Eine Allmende ist zum Beispiel eine Wiese, die von allen Bewohnern eines Dorfes genutzt werden darf. Jeder Nutzer weiß, dass sie nur eine begrenzte Zahl von Kühen ernähren kann. Und überlegt dennoch: „Wenn ich noch eine Kuh mehr auf die Allmende treibe, dann werden die anderen Kühe immer noch genug Gras zum Futtern finden. Der Schaden für die anderen wird also gering sein und sich zudem auf viele Kühe verteilen. Ich habe aber auf jeden Fall einen Vorteil.“ Diese Individual-Logik lockt aber auch die anderen Dorfbewohner. Die Überweidung der Allmende ist deshalb nur eine Frage der Zeit: Viele kleine individuelle Vorteile addieren sich unausweichlich zum Schaden für alle. Gleiches gilt für die Überfischung der Weltmeere. Oder für Seen, in die allerlei Stoffe „entsorgt“ werden können. Die Folgen: ausgebeutete und vergiftete Gewässer.

Je größer eine Allmende ist, desto geringfügiger wird der jeweilige Schadensbeitrag eines einzelnen Nutzers. Und umso leichter fällt es dem Einzelnen, das Allmende-Dilemma zugunsten des Eigennutzes zu entscheiden. „Dem Gut, das der größten Zahl an Menschen gemeinsam ist, wird die geringste Fürsorge zuteil“, hat schon der griechische Philosoph Aristoteles erkannt.

Durch viele Kleinbeträge nimmt der Kohlendioxidgehalt der Luft immer weiter zu

Auch die Atmosphäre ist eine Allmende, auch sie wird vom Menschen leichthin als Müllkippe für seine Kohlendioxidabfälle genutzt: Die 100 Kilogramm Kohlendioxid, die beim Wochenendausflug mit dem Auto von Berlin an die Ostsee aus dem Auspuff strömen, fallen kaum ins Gewicht angesichts der Gesamtmasse der Atmosphäre von fünf Trillionen Kilogramm. Doch weltweit blasen zurzeit rund 1,3 Milliarden Autos bei jeder Fahrt ihre „kleinen“ Abgasanteile in die Luft – zusätzlich zu den Treibhausgasmengen aus Heizungskaminen und Industrieschornsteinen. Der Gehalt von Kohlendioxid in der Luft nimmt so stetig zu.

Auch globale Allmenden brauchen lokale Regeln

Es gibt aber einen Ausweg aus jedem Allmende-Dilemma: Man muss Regeln aufstellen für die Nutzung der Allmende. Die 2012 verstorbene dänische Politologin Elinor Ostrom hat weltweit in Hunderten von Beispielen untersucht, mit welchen Regeln etwa Fischereigewässer kooperativ genutzt werden und mit welchem Erfolg. Für ihre Forschungsergebnisse erhielt sie 2009 als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Allerdings ist die Erdatmosphäre eine globale Allmende. Kann der Klimawandel also nur global bekämpft werden? Keine vernünftige Idee, fand Elinor Ostrom. Denn es erscheint nahezu ausgeschlossen zu sein, in naher Zukunft ein weltweit gültiges und gerechtes Regelwerk zu finden, an das sich alle Länder halten, um ihre Emissionen von Treibhausgasen zu drosseln. Eines der größten Probleme dabei: Misstrauen. Auch diejenigen Länder, die keinen oder nur einen kleinen Beitrag leisten oder sich nicht an vereinbarte Regeln halten, profitieren als Trittbrettfahrer von den Klimaschutzmaßnahmen der anderen.

Effektive Energieeinsparungen durch regionale Einigungen möglich

Mit Blick auf die schon deshalb nur langsam vorankommenden internationalen Klimakonferenzen bei gleichzeitig schnell wachsender Klimaveränderung schlug Ostrom eine doppelte Strategie vor: international verhandeln und lokal handeln. Familien, Bürgergruppen, Stadtquartiere, Städte, Regionen und Länder können sich schnell auf die unterschiedlichsten Maßnahmen und Regeln einigen. Mit dem Ziel, Energie zu sparen und dadurch die Emissionen von Kohlendioxid zu senken.

Ihre Theorie einer „polyzentrischen Handlungsstrategie“ beruhte auf einer zentralen Erkenntnis ihrer Forschung: Die Menschen sind durchaus bereit, sich bei der Nutzung eines Allgemeinguts einzuschränken und dabei zusätzliche Mühen und Kosten auf sich zu nehmen. Dazu bedarf es aber nicht nur der Einsicht, dass davon sowohl die eigene Zukunft als auch die Zukunft aller anderen lebenden Menschen und ihrer Nachfahren abhängt. Sondern dabei müssen die handlungswilligen Menschen darauf vertrauen, dass auch viele andere dieser Einsicht entsprechend handeln – sei es nun freiwillig unter dem Druck ihres moralischen Gewissens oder – noch wirksamer – unter dem sanften Druck des Geldbeutels: Wer in Wärmedämmung oder Solarzellen investiert, spart Energie oder gewinnt sie.

Vertrauen ist Voraussetzung für Nachhaltigkeit

Davon haben langfristig alle einen Vorteil und individuell je nach finanzieller Regelung auch der Investor. Ob die Zuversicht gerechtfertigt ist, dabei nicht allein zu sein, zeigt am besten der Blick in die eigene Lebensumgebung: Wenn auf immer mehr Nachbardächern Solarzellen schimmern oder die Heimatstadt sinkenden Energiebedarf meldet oder im Heimatland immer mehr Ökostrom und weniger Kohlestrom erzeugt wird, ist das lokale, regionale oder nationale Regelwerk offenbar wirksam und ermöglicht immer mehr Menschen das Vertrauen, mitzumachen. Dieses Vertrauen ist laut Elinor Ostrom die wichtigste Voraussetzung für die nachhaltige Nutzung einer Allmende.

Wer aber könnte darauf vertrauen, dass global vorgegebene Regeln tatsächlich auch auf der anderen Seite des Globus eingehalten werden – ganz abgesehen davon, dass solche globalen Regeln wohl noch lange auf sich warten lassen? Das Vermächtnis der Nobelpreisträgerin Ostrom ist deshalb: Tatenlos auf eine globale Lösung des Klimaproblems zu warten, wäre verantwortungslos.

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