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Deutschsein ist kein Zuckerschlecken: Es lebe der Kapitalismus!

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Nachdem sie sich den Führerschein erkämpft hatte, konnte es Zhang Danhong nicht abwarten, das Erlernte in die Praxis umzusetzen. Ihr deutscher Freund riet, einen billigen Gebrauchtwagen zu kaufen. Das tat sie.

Christian meinte, dass jeder Anfänger einen oder zwei Unfälle bauen muss, um sich auf der Straße wirklich sicher zu fühlen. Deshalb sollte das erste Auto in seinen Augen vor allem eins sein: billig. Für 400 D-Mark kaufte ich mir einen roten Ford Fiesta. Billiger ging es nicht.

Als ich das erste Mal damit fuhr, musste ich an einen bekannten Komiker in China denken. Er sagte einmal: “Mein Fahrrad quietscht überall, nur die Klingel gibt keinen Laut von sich.” Im Falle meines Fiesta musste ich so formulieren: “Alles klappert, nur der Motor bleibt still.” Er war wirklich sehr launisch. Oft brauchte er sehr lange, bis er ansprang. Und sobald ich zum Einparken in einen niedrigeren Gang schaltete, ging er aus. Deswegen gewöhnte ich mich daran, im dritten Gang zu parken. Christian warnte: “Wenn Du so weiter machst, wird das schief gehen – früher oder später.”

So einen roten Wagen aus den Kölner Ford-Werken hatte ich damals, nur in einem ziemlich verbrauchten Zustand

Und es ging schief – eher früh als spät. Eines Tages wollte ich in eine Parklücke direkt vor der Haustür fahren und rempelte mit hohem Tempo (was eben ein dritter Gang so hergibt) an einen parkenden Volvo. Das Bersten von Glas ließ mein Herz höher schlagen. In Zeitlupentempo stieg ich aus meinem Auto. Erleichtert stellte ich fest: Kaputt gegangen war allein mein eigener Scheinwerfer auf der rechten Seite. Am Volvo klebten zwar ein paar Lacksplitter vom Rumpf meines Fiesta, aber eine Beule hatte er zum Glück nicht. Die Legende vom Panzer-Volvo hat sich bewahrheitet.

Bloß keine Fahrerflucht begehen

Zu Hause wählte ich sofort Christians Nummer und schilderte ihm mein Missgeschick. Ich solle eine halbe Stunde am Unfallort warten, meinte er. Wenn der Volvo-Besitzer nicht erscheine, solle ich einen Zettel mit Name, Telefonnummer und Adresse schreiben und unter seinen Scheibenwischer klemmen. So könne sich der Besitzer mit mir in Verbindung setzen, damit meine Versicherung für den Schaden aufkomme. “Auf gar keinen Fall darfst Du so tun, als wäre nichts geschehen. Das wäre Fahrerflucht”, betonte Christian.

Ich beobachtete den Unfallort vom Fensterbrett. Nach einer halben Stunde verfasste ich folgende Zeilen: “Sehr geehrter Unbekannter, ich bin eine Studentin aus China und habe gerade den Führerschein gemacht. Es tut mir unendlich leid, dass mein erster Unfall ausgerechnet Sie erwischt hat. Schauen Sie bitte nach möglichen Schäden und zögern Sie nicht, bezüglich einer Reparatur mit mir in Kontakt zu treten.” Nie habe ich etwas von dem Unbekannten gehört. Mein erster Unfall hat also außer dem Schaden am eigenen Wagen zu keinerlei Konsequenzen geführt.

Doch der zweite ließ nicht lange auf sich warten – und wieder passierte es beim Parken, beim Rückwärts-Seitwärts-Einparken, um genau zu sein. Es war dunkel, der Platz eng. Ich fuhr Zentimeter für Zentimeter rückwärts, und auf einmal gab mein Auto dem dahinter stehenden Wagen einen ordentlichen Kuss. Es wiederholte sich dieselbe Prozedur – mit dem Unterschied, dass ich draußen in der Kälte wartete und dass meine Nachricht diesmal weniger dick aufgetragen war. Dass auch sie keine Resonanz fand, darüber war ich kein bisschen enttäuscht.

Aller guten Dinge sind drei

Beim dritten Unfall rammte ich endlich ein fahrendes Objekt. Und hatte auch endlich einen Zeugen dabei – Christian. Es herrschte Rushhour auf der Kölner Rheinuferstraße: Alle vier Spuren in beiden Richtungen waren voll von fahrenden Autos. Christian ärgerte sich über den Wagen vor mir, der seiner Meinung nach langsamer fuhr als die Polizei erlaubte. Also wechselte ich auf die linke Spur und überholte. Ich war gerade so stolz darauf, dass mir dieses Manöver im dichten Verkehr auf Anhieb gelungen war, da bemerkte ich, dass mein Fiesta vom Wagen rechts von mir höchstens fünf Zentimeter entfernt war und geriet darüber in Panik. Nach links konnte ich nicht ausweichen, da im Gegenverkehr ein Auto nach dem anderen an mir vorbeirauschte. Ich schwenkte ein wenig nach rechts und es knallte. Mein Fiesta wankte. Ich konnte vom Glück reden, dass nicht noch mehr Fahrzeuge auf uns auffuhren.

Wir hielten beide an der Seite. Im von mir gerammten Auto saß allein ein junger Mann. Etwas nervös sagte er: “Vergessen wir es und fahren weiter, okay?” Ich war ziemlich verwirrt, während Christian hastig antwortete “Kein Problem” und schob mich sofort zurück in den Wagen. Ich fragte ihn, warum der junge Mann nervös war, wo doch ich den Unfall verursacht hatte. Da schüttelte mein deutscher Freund ungläubig den Kopf: “Du hast mehr Glück als Verstand! Hast Du nicht Alkohol aus seinem Mund gerochen? Hätte er die Polizei geholt, wäre er mindestens so schuldig wie Du.”

Einen Monat später meinte Christian, meine Zeit als Fahranfänger sei nun beendet. “Dein Fiesta hat seine Mission erfüllt. Nun könntest Du ein besseres Auto gebrauchen. Vor allem eines mit einem funktionierenden Motor.”

Der Fall der Berliner Mauer belebte auch den deutschen Gebrauchtwagenmarkt

Wir schrieben den Sommer 1990. Diese besondere Zeit nach dem Mauerfall und vor der Wiedervereinigung trieb viele seltsame Blüten. Eine davon war die gigantische Nachfrage nach Gebrauchtwagen, weil alle Ostdeutschen sofort einen Westwagen wollten. So wurde ich meinen Fiesta, den ich für 400 D-Mark gekauft hatte und den ich innerhalb von zwei Monaten mit einem zersplitterten Scheinwerfer, einer Beule in der Stoßstange und einer faustdicken Delle an der rechten Seite verschönert hatte, für 500 Mark wieder los. Es lebe der Kapitalismus, war mein erster Gedanke. Und der zweite: Warum habe ich eigentlich nicht 600 Mark verlangt?

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit 30 Jahren in Deutschland. In der Serie “Deutschsein ist kein Zuckerschlecken” schreibt sie einmal wöchentlich über ihre ersten Kontakte mit der deutschen Sprache und ihre Integration in Deutschland.

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